Saarbrücken - Istanbul und zurück in 81 Stunden

Ein kleiner Reisebericht für alle, die mit dem Auto mal in die Türkei fahren wollen.

Gleich vorweg: Nicht jeder ist wie wir psychopathisch veranlagt und fährt die Strecke in einem durch. Aber es ist ohne Einnahme von Drogen und/oder sonstigen Aufputschmitteln (abgesehen von tonnenweise Süßigkeiten) tatsächlich zu schaffen.

Ein Freund von mir hat sich entschlossen, nach Istanbul zu emigrieren. Obwohl einige Jahre im Saarland beheimatet, merkt man an solchen Entscheidungen, dass man es hier nicht mit dem typischen Saarländer, den man kaum dauerhaft von Haus und Garten wegbewegen kann, zu tun hat - es handelt sich um einen Hamburger, ein Nordländer, ein heimatloser Herumwanderer, ein Rastloser. Tststs.
Völlig unbedarft an die Organisation herangehend, lag dann auch ein Angebot einer Spedition vor, die seine Habseligkeiten für satte 6.000 EUR nach Istanbul liefern wollten. Ein ganz klein bisschen teuer scheint das für Zeugs, das letztlich nicht mal einen Sprinter bis unters Dach zu füllen vermochte und definitv keine hunderttausende Euros wert war.. Daher der ebenso unbedarfte Vorschlag, dass wir das Material selbst runterfahren. Ursprüngliche Planung also: Ich gurke mit dem Transporter nach Istanbul, der Emigrant fliegt bequem voraus. Tatsächlich fuhren wir dann zu dritt, da einerseits der private Pkw schließlich auch noch mit sollte und wir darüber hinaus jemanden kennen, der augenscheinlich überall seine Nase drin haben muss und sich auch von diesbezüglich offenen Unmutsbekundungen nicht davon abhalten ließ mitzufahren.

Es ging dann an die Planung und dabei stellte sich heraus, dass es doch ein bisschen was anderes ist, einen Transporter von Saarbrücken nach Kleinwülferode zu kutschieren oder quer durch 6 Länder nach Istanbul. Es war gemäß offizieller Einreisebestimmungen der jeweiligen Länder einiges zubeachten. Wie weiter unten dann allerdings zu lesen sein wird, wird an den meisten Grenzübergängen auch nur mit Wasser gekocht.

 

Offizielles

Deutschland: Geschenkt!

Österreich: Eine 10-Tages-Vignette für die Autobahnbenutzung kostete für den Pkw, als auch für den Transporter jeweils 7.60 EUR. Der Einfachheit halber gibt's die beim ADAC zu kaufen. Ansonsten muss man bis auf die Tempolimits eigentlich nicht viel beachten. Der Preis für einen Liter Diesel lag bei etwa einem Euro (1.02 -0.98).

Ungarn: Auch hier gibt's Vignettenpflicht. Für Pkw und Transporter wurden jeweils 1520 Forint für eine 4-Tages-Vignette fällig. Das entspricht etwa 11 EUR. Wenn man aber in Euro statt in der Landeswährung bezahlt, wird kräftig draufgeschlagen - meist so um die 20%. Das trifft übrigens auf ALLE Länder dieser Tour zu.

Serbien: Die Serben verlangen einen Reisepass - auch wenn man das Land nur als Transitreisender durchqueren will (oder besser: muss!) Als ob man in Serbien die schönsten Autobahnen der Welt hätte, werden dort die unverschämtesten Mautgebühren fällig. Dabei steht dort alle naselang ein EU-Förderschild. Für uns als Bürger eines großen Nettozahlers der EU heißt das also: Schön doppelt blechen!
Auf unserer Strecke wurden für 3 Abschnitte Mautgebühren fällig:

Straßenabschnitt
Pkw
EUR verlangt
Transporter
EUR verlangt
Subotica - Novi Sad
410 CSD
6 EUR
1.250 CSD
18 EUR
Novi Sad - Belgrad
360 CSD
5 EUR
1.090 CSD
15 EUR
Belgrad - Nis
1.090 CSD
15 EUR
3.260 CSD
45 EUR

Auch hier gilt wie gehabt: Wenn man nicht in Landeswährung zahlt, wird kräftig draufgeschlagen. So habe ich beispielsweise im Transporter statt den angegebenen 3.260 Novi Dinar 45 EUR bezahlt. Korrekt umgerechnet wären allerdings nur 39,77 EUR fällig gewesen. Scheint auf den ersten Blick nur Kinkerlitzchen, aber auf ALLE Ausgaben hochgerechnet ergibt sich für die Hin- und Rückfahrt dann doch ein erkleckliches Sümmchen. Sinn und Zweck der Fahrt war aber nunmal, Geld zu sparen (daher auch keine Fährverbindungen, usw.)
Ab hier gilt dann auch, dass man die Internationale Grüne Versicherungskarte vom Fahrzeug dabei haben muss.

Bulgarien: Hier könnte man wieder einfach mit dem Personalausweis einreisen, was sich aber inzwischen erledigt hat (siehe Serbien). Mal wieder Vignettenpflicht. Gemäß meinen Recherchen im Vorfeld hätte der Transporter als Wohnmobil eingestuft werden sollen und wäre damit noch unter die Klasse der Pkw gefallen. Somit hätte die 7-Tages-Vignette jeweils 4 EUR gekostet. Der nette Grenzer war jedoch unabbringlich der Auffassung, dass es sich hierbei um einen kleinen Lkw handele, der dann statt 4 EUR 16 EUR kostete. Nett (Arschloch!)
Neben der inzwischen obligatorischen Internationalen Grünen Versicherungskarte für das Fahrzeug ist auch ein Nachweis einer Krankenversicherung fällig. Hier gilt zu beachten, dass es offensichtbar keine Auslandskrankenscheine der gesetzlichen Krankenkasse für Bulgarien zu geben scheint. Es fehlt hier augenscheinlich ein entsprechendes Abkommen. Also dran denken und eine private Auslands-Krankenversicherung abschließen. Ohne groß Werbung machen zu wollen: Diese kostet zusammen mit Unfallschutz als ADAC-Mitglied 19.40 EUR im Jahr. Dafür, dass dann im Zweifel nach einem Unfall nicht in einem Feld-Wald-Und-Wiesen-Hospital das falsche Bein amuptiert und bei der Gelegenheit eine Niere entfernt wird, ist das ein annehmbarer Betrag.
Kuriosität: Bei der Einfahrt wird eine Fahrzeugdesinfektion durchgeführt (siehe Bild unten). Für Pkw kostete diese 2 EUR, für den Transporter 5 EUR.

Türkei: Also wenn man nicht gerade emigrieren will und seinen gesamten Hausstand dabei hat, sind die Einreisebestimmungen im Grunde kein Problem. Das Betreten des Landes wäre mit einem Personalausweis möglich - das Befahren allerdings nicht. Wer mit einem Fahrzeug in die Türkei fährt, braucht einen Reisepass und die Internationale Grüne Versicherungskarte. Auf den Autobahnen wird eine streckenabhängige Maut fällig.

 

Die Fahrt

Montag, 28.08.06, 11:00 Uhr (Abfahrt Dudweiler)
Dienstag, 29.08.06, 22:00 Uhr
(Ankunft Istanbul)

Nachdem es gar nicht so einfach war einen Fahrzeugvermieter zu finden, der uns die Route befahren lässt und kein Monatsgehalt für die Kilometerzahl verlangt, habe ich um 7:30 Uhr den Transporter abgeholt. Über den vereinbarten Mietpreis habe ich unter Androhung von Folter Stillschweigen geschworen. Beim Vermieter haben wir noch Kopien des Mietvertrags und Übergabeprotokolls angefertigt und die Grüne Internationale Versicherungskarte dem Fahrzeugschein hinzugefügt. Um 9:30 Uhr war dann Treffpunkt an unserem Abfahrtsort in Dudweiler, wo schon die mit Kisten beladenen Helfer mit den Füßen scharrend bereit standen. Aufladen war ruckizucki erledigt und um 11:00 Uhr ging's dann tatsächlich auf große Fahrt. Vor uns etwa 2.500 km, neben mir eine gut gefüllte Kühlbox.

Aufi ging's über Kaiserslautern, Ludwigshafen, Heilbronn, Nürnberg, Regensburg und Passau zur deutsch-österreichischen Grenze. Bis dahin waren's runde 590 km. Eine Grenzkontrolle fand nicht statt, sondern einfaches Durchgewinke. Jetzt rasch die Vignette auf die Scheibe gepappt (fast vergessen) und schon stand der erste Tankstopp an. An dieser Stelle ein Tipp: Nie, NIE, NIEMALS die erstbeste Tankstelle bei der Einreise in ein Land benutzen. Diesel kostete hier 1.23 EUR je Lieter - im restlichen Land ging der Preis dann aber bis auf 0.98 EUR runter - Sch...! Schön langsam fahren ist übrigens die Devise: Die österreichische Polizei darf die Geschwindigkeit SCHÄTZEN!!! Mehr als 130 sind auf Autobahnen nicht erlaubt. Zur Sicherheit hab' ich eine Fahrtenscheibe eingelegt - von wegen Schätzen - nicht mit mir!

Weiter ging's vorbei an Wels (noch nie gehört) und St. Pölten (auch noch nie gehört - bin halt offenbar doch eher ein Heimchen) an die österreichisch-ungarische Grenze. Österreich also unspektakulär hinter mich gebracht, den Audi meines emigrierenden Freundes mit dem zusätzlichen Fahrer (siehe oben) am Steuer immer schön hinter mir. Bis dahin lagen runde 930 km hinter uns. An der Stelle unten im Bild wär ein Werksverkauf übrigens schön gewesen:

Auch an der ungarischen Grenze wurden wir einfach durchgewunken. Nun durch's schöne Ungarn, von dem aber wegen aufkommender Dunkelheit nichts zu sehen war :-( Auf meinem Fahrplan stand nun eine Stadt namens Györ. Im weiteren Verlauf waren aber ungefähr 100 Ausfahrten mit "Györ" beschriftet. Das zusammen mit der Tatsache, dass wir bis dahin etwa 4 mal (glaub' ich) die Donau überquert haben, würde schlichtere Gemüter verunsichern im Glauben, man fahre im Kreis. Wir ließen uns aber nicht beirren und schließlich kam dann Budapest in Sicht - bzw. das Lichtermeer der davor befindlichen Autobahnbaustellen.

Nach nur 340 km in Ungarn und weit vor unserem Zeitplan waren wir nun gezwungen, eine etwa 1.5 stündige Pause einzulegen. Grund hierfür war der Umstand, dass es in Serbien meinen Informationen zufolge eine nächtliche Komplettsperrung eines 75km langen Straßenabschnittes gab, der umfahren werden musste. Unser Interesse an einer nächtlichen Zwangspause im tiefsten Serbien oder die Umleitungshumpelei über irgendein minenverseuchtes Feld hielt sich Grenzen. Daher galt es hier solange Pause zu machen, dass wir zur Aufhebung der Sperrung dann vor Ort sein würden. Nach Tanken und Bezahlen in Euro (ABZOCKE!!!) folgen hier die üblichen Pausenaktivitäten:

Und weiter ging's nun zur ungarisch-serbischen Grenze. Nach 1.270 km also nun die erste Grenze, die diese Bezeichnung noch verdient. Während auf ungarischer Seite alles locker vonstatten ging, meinen die Serben offenbar, man wolle ins Paradies einfahren und entsprechend streng gelte es zu kontrollieren. Um 3:00 Uhr in finsterer Nacht gab es hier die erste Diskussion mit einem serbischen Grenzer, dem ich nicht begegnen möchte, wenn ich ein Kroate wäre oder sowas in der Art.

Erster Grenzposten: Schön höflich begrüßt und in englisch erklärt, dass einer der beiden Herren in dem Fahrzeug hinter mir in die Türkei emigriert, wir also das wunderschöne Land nur im Transitverkehr durchqueren werden und nichts von Wert zu deklarieren haben. Angefordert wurde der Reisepass (Juhuu - der erste Stempel), der Fahrzeugschein und die Grüne Internationale Versicherungskarte. Das Kennzeichen wurde mit einer in Höhe der Motorhaube angebrachten Kamera erfasst. Nicht einmal zu einem Gruß fähig wurde ich etwa 15m zum nächsten Grenzposten weitergewunken. Dort also nochmal dieselbe Leier. Nun sollte ich allerdings zur Seite fahren und musste den Wagen öffnen. Nochmals erklärte ich schön langsam und einfachstem Englisch (zu mehr bin ich auch gar nicht fähig - mein Minimalwortschatz versteht fast jeder) um was es ging. Der Herr wollte jedoch wissen, was sich exakt in den Kisten befinden würde. Inzwischen hieß er mich zu warten und fertigte meine beiden Mitreisenden in ihrem Pkw ab. Nun konnten wir ihn wenigstens zu dritt bequatschen, was ihn offensichtlich so sehr verwirrte, dass die frühe Stunde in Verbindung mit einem aus einer Kiste gezupften Pulloverärmel ihn dazu bewog, uns doch von dannen ziehen zu lassen - natürlich nicht ohne in seinem ganzen Gehabe deutlich werden zu lassen, dass wir eine solche Wohltat gar nicht verdienen und er auch ganz anders könne, wenn er wolle. Typisch Uniform eben! Wurde wahrscheinlich in Deutschland ausgebildet.

Bis zur Grenzstation fuhren wir auf Autobahnen und ab da sollten es laut Plan eigentlich auch Autobahnen sein. Nunja - zuerst einmal ging es weiter auf holprigem Landstraßenniveau mit der größtmöglichen Anzahl an überfahrenem Viehzeugs, das man sich nur vorstellen kann. Ich hätte auch beinahe einen Igel erwischt, hab ihn aber nach Augenzeugenbericht der hinter mir Fahrenden nur von der Fahrbahn gekegelt - den Schreck wird er aber wohl genausowenig überlebt haben *schnief*.

Zig Kilometer im absolutem Dunkel - keine Ortschaft weit und breit (nicht vom romantischen Sonnenaufgang oben täuschen lassen - das war ein bissel später). Zwischendurch kam aber mal die ein oder andere Tankstelle mit Lichtfinger auf'm Dach. Das war auch vorher in Ungarn schon modern, so dass man immer den Eindruck hatte, hinter jedem dritten Hügel gäb's 'ne wilde Party. Vorbei ging's dann an Novi Sad und Belgrad. Letzteres zwar nur im Dunkeln durchfahren, scheint aber ganz imposant zu sein. Die Fahrbahnqualität hat bis dahin auch deutlich zugenommen (EU-Förderung sei dank!). Bis zum Städchen Nis haben wir uns an den Mautstationen mit schönem Aufschlag die Euros aus der Tasche ziehen lassen und gerieten nun zu der oben beschrieben Stelle, die wegen Bauarbeiten in der Nacht komplett gesperrt war. Nach unseren Informationen sollte die Strecke um diese Uhrzeit schon wieder geöffnet sein (Sperrung immer von 20:00 Uhr bis 6:00 Uhr), aber die Beschilderung wies trotzdem Pkw-Fahrer abzubiegen, während Lkws weiterfahren sollten!?! Wir haben uns die Entscheidung abnehmen lassen, indem wir warteten, wie sich die ortskundigen Fahrer verhielten, die mit ihren Pkw einfach weiter der Straße folgten. Da wir auf eine Umleitung keine Lust hatten, schlossen wir uns dem an. Offenbar kamen wir für die Öffnung der Strecke aber ein wenig zu früh, denn nach etwa 3 km standen wir dann etwa 45 Minuten im Stau.

Super für mich als Formel-1-Fan war, dass uns an dieser Stelle der komplette Toyota-Tross inklusive Bridgestone-Fuhrpark entgegenkam :-) Leider vergaß ich aber vor lauter Begeisterung die Kamera zu zücken. Die Gegend war übrigens immer wilder und bergiger geworden und beileibe nicht mehr so öde wie im nördlichen Teil des Landes. Ich fand das hier alles klasse.

Was man hier übrigens sieht ist tatsächlich die offizielle Transitroute für Reisende wie wir nach Bulgarien oder in die Türkei. Ob da nicht eine richtige Autobahn angebracht wäre? Unten dann übrigens die Stelle, an der nachts auf etwa 4 km Länge gebaut wird - nicht vergessen: Offizielle Transitroute für alle Pkw, Lkw, Busse etc:

Nachdem wir obiges hinter uns gelassen haben und die waghalsigsten Überholmanöver von Lkw und Bussen sehen durften, erreichten wir schließlich die serbisch-bulgarische Grenze. Kilometerstand hier: runde 1.800 km.

Dieses Mal auf der serbischen Seite nach Erklärung zum Zweck unserer Fahrt keine weiteren Probleme. Auf der bulgarischen Seite allerdings staute es sich bereits. Bevor man zur ersten Kontrolle kam, durchfuhr man ein Desinfektionsbad. Auf dem Bild unten zu erkennen als Wasserpfütze.

Diese Wasserpfütze kostet dann doch tatsächlich Geld. Aber was tut man nicht alles, um das schöne Bulgarien nicht zu verseuchen. Falls es zur Vereinfachung der Formalitäten und Reduzierung von Wartezeiten zu den offenbar obligatorischen Schmiergeldzahlungen ("5 Euroscheine und Zigaretten parat halten" war unsere Vorabinfo) kommen sollte, fuhr hier nun der Pkw vor. Anstatt aber zu diesem Zweck die Grenze geschlossen als Mini-Konvoi zu durchfahren und beisammen zu bleiben, bewies der andere Fahrer unglaubliche Intelligenz, indem er die Warteschlange wechselte und dann nicht einmal zwischen den beiden Grenzposten wartete, sondern netterweise beide Posten passierte und mich einfach mal stehen ließ - super!
Entsprechend schwer war es den skeptischen Grenzbeamten zu erklären, dass das geladene Zeugs nur aus dem Hausrat nicht meiner Person besteht, sondern eines Freundes von mir, der sich idiotischerweise bereits hinter beiden bulgarischen Grenzposten befindet und in die Türkei auswandern möchte.
Aber sicher doch, klar - Fahrzeug öffnen *grrr*!

Bis man dort verstand, was ich wollte und man mir glaubte, durfte ich etliche schweißtreibende Minuten verbringen. Unter anderem wollte man von mir auf's genaueste wissen, woraus die Ladung bestand. Die Herren, die das hätten beantworten können, standen aber wie erwähnt bereits jenseits der Grenze. Superschlau, die Erste! Ich sah aber auch zur Vereinfachung der Angelegenheit auf keinen Fall ein, hier irgendeine nichtoffizielle Zahlung zu leisten und die Leute, die das eigentlich im Bedarfsfall zur Vereinfachung hätten tun sollen, standen bereits jenseits der Grenze. Superschlau, die Zweite! Gottseidank war's dem Grenzer dann doch zu doof und ich durfte weiter.

Einen Nachweis der Krankenversicherung wollte man übrigens nicht sehen. Nur das übliche eben: Reisepass und Fahrzeugpapiere. Nachdem ich diese Situation hinter mich gebracht und wutentbrannt die Grenze passiert habe, folgte noch eine lange Diskussion mit dem Verkäufer der Vignetten, der meinen Transporter unbedingt als kleinen Lkw klassifiziert haben wollte und damit das 4fache an Autobahngebühren fällig wurde. Schließlich willigte ich ein, da ich ohnehin schon sauer genug war ob des sehr kameradschaftlichen und intelligenten Verhaltens des anderen Fahreres an dieser Grenzstation. Als ich mir dann noch von ihm irgendeinen dummen Spruch drücken lassen musste, war ich doch sehr froh, dass ich schnell wieder alleine im Wagen saß. Ich wusste schon, warum ich von Anfang die Tour alleine machen wollte. Naja.

In Bulgarien gab's nicht viel zu sehen. Ich hoffe für das Land doch sehr, dass es schönere Gegenden gibt als die, in deren Verlauf wir doch immerin 380 km hindurch gefahren sind. Vollkommen öde und teilweise heruntergekommen. Die beiden Bilder unten sind exemplarisch - da könnte ich Zig weitere anfügen, die ebenso aussehen. Selbst die drei Bordsteinschwalben (übrigens die einzigen auf der ganzen Strecke!), die bei irgend so 'nem trostlosen Kaff am Straßenrand standen, passten exakt in diese Landschaft.

Wir fuhren vorbei an Dragoman (kenn' ich nicht), Sofia (kenn' ich als Hauptstadt zumindest vom Namen her) und Plovdiv (sagt mir auch nichts) zur bulgarisch-türkischen Grenze. Neben der Ödnis des Landes blieb eigentlich nur hängen, dass augenscheinlich 98% der weltweiten Produktion an Wassermelonen in Bulgarien erwirtschaftet wird. Zumindest lassen das die 100.000 Wassermelonenhändler am Straßenrand vermuten. In Bulgarien übrigens das altbekannte Spiel: Diesel je Lieter wenn man nicht in Landeswährung bezahlt: 1.20 EUR. Inzwischen waren wir aber schlauer und haben ein bisschen was umgetauscht, so dass der Sprit nur 0.98 EUR je Lieter kostete. Hähähä - nicht mit uns! War ab da ganz lustig mitanzuschauen, wie die Tankwarte angesichts des unserer deutschen Nummernschilder zu erwartenden Umsatzes freudenstrahlend über's ganze Gesicht grinsend zu den Autos kamen - und wie dann immer das Lächeln gefror, wenn man Landeswährung zückte.

Und schließlich war es soweit: Nach 2.180 km kamen wir zur bulgarisch-türkischen Grenze. Hier gab's wieder das übliche Kontrollgedöns auf der bulgarischen Seite der Grenze. Es lebe die Uniform! Wenigstens trat man hier nicht so großmäulig auf, wie die serbischen Grenzposten, die in dieser Kategorie bisher unschlagbar waren. Kurz: Bulgarien kontrolliert, Serbien reißt die Klappe auf. Mir ist ersteres lieber. Zurück zur Fahrt: Wir hatten nun Dienstag, 15:30 Uhr und damit nach 28.5 Stunden die Türkei erreicht. Zumindest fast, denn zuerst einmal warteten wir im Niemandsland auf die Ankunft unserer Kontaktpersonen auf türkischer Seite zur Vermeidung größerer bürokratischer Anfälle der dortigen Grenzbeamten.

Es folgte ein bisschen Telefoniererei und dann war es soweit - türkischer Kontrollposten 1:

Ja, es war soweit - türkischer Kontrollposten 2:

Nur nicht ungeduldig werden - türkischer Kontrollposten 3:

Und jetzt ging's los! Geblabla vom Grenzposten. Reisepass vorzeigen. Fahrzeugschein und Internationale Grüne Versicherungskarte her. Mietvertrag für den Transporter rauskramen. Name des Vaters nennen - hääää? Unterlagen zurück. Doch wieder Reisepass. Doch nicht. Hin und her. Dann sollten wir hinter der Station abwarten. Der Transporter wurde geöffnet und es begann eine Diskussion, wie man sie sich unter Türken halt so vorstellt (sorry, ist aber so). Hin und hergelaufe. Dann mussten wir kurioserweise den im Transporter befindlichen Fernseher in den kleinen Audi stopfen. Wer aber meint, das sei noch nicht seltsam genug, der kommt jetzt auf seine Kosten:

Im Transporter war nach dem Beladen in Dudweiler noch soviel Platz, dass der Besitzer meinte, er habe noch Winterreifen in der Garage stehen und die nehmen wir dann halt mit. Warum auch nicht? Aber eben diese waren nach Meinung der Zöllner nicht zur Einfuhr in die Türkei zugelassen. NEUE Reifen hätte man mitbringen dürfen. Diese waren jedoch tatsächlich ein paar Wochen in Gebrauch gewesen und somit verboten!?! Sie sollten also in die Verwahrstelle und könnten dort dann bei der Ausfahrt wieder mitgenommen werden. ABER: Unser Ausreisetag - Mittwoch, 30.08.06 - war ein Feiertag in der Türkei, was wir vorher nicht wussten. Natürlich wäre es zuviel verlangt, wenn mir ein türkischer Grenzer an einem solchen (nicht religiösen) Feiertag die Reifen wieder ausgehändigt hätte. Nein, das geht auf keinen Fall! Die Rückfahrt wegen ein paar Reifen um einen Tag verschieben ging aber ebensowenig. Fazit: Sollen also doch die blöden Reifen in der Verwahrstelle bleiben. Schade drum, aber was soll's. Und immerhin hat man 3 Monate Zeit, eine Lösung zu finden. Man hätte also ruckizucki weiterfahren können. Aber die Diskussion um die Reifen zog sich unglaublich in die Länge. Und schon ging es wieder los: Reisepass her, Reisepass zurück, Händeschütteln. Nein doch kein Abschied, wieder Reisepass her - blablabla - ooooh mein Gott (oder Allah, oder wer sich auch immer dort zuständig fühlt). Reisepass zurück. Nochmal Händeschütteln. Wieder Blablabla. *buhuuuu*

Endlich ging's dann Stunden später (!) doch weiter Richtung Istanbul. Die Landschaft mutierte zwischenzeitlich zur Augenweide - schade, dass es zunehmend und schnell dunkler wurde. Zwischendrin muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich doch zu müde war um weiterzufahren, so dass ich etwa 100 km vorm Ziel abgelöst wurde (ich weiß: ich bin sooo schlecht!). In der Türkei wird auch eine Mautgebühr fällig. Auf der Strecke von Edirne bis Istanbul betrug diese jedoch pro Fahrzeug gerade mal 4,50 TRY - also etwa 2,40 EUR. Inzwischen war's stockdunkel, so dass man außer einem nicht enden wollenden Lichtermeer nichts erkennen konnte. Da es auf die asiatische Seite von Istanbul ging, mussten wir den Bosporus überqueren, was wir nicht mit der Fähre (schade), sondern per Brücke machten. Die Überfahrt auf der Brücke kostet in dieser Richtung 3 TRY - auf dem Rückweg ist sie mautfrei. Lustig ist, dass es etwa 15 Mauthäuschen gibt und dahinter sich alle Pkw, Lkw, Busse und sonstige Gefährte, die sich nicht so recht zuordnen lassen, auf 4 Spuren zusammendrücken. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen.

Nachdem auch das geschafft war, ging's scheinbar unendlich weiter an Lichtermeeren, bis wir dann doch irgendwann von der Autobahn abfuhren und uns dem Ziel näherten. Für uns als Ortsfremde gab's eigentlich keine Anhaltspunkte bis wir am Stadion von "Fenerbahce Istanbul" vorbeikamen (bei uns zu mäßiger Berühmheit gekommen durch Christoph Daum). Da es danach nicht mehr lange dauerte bis wir endlich angekommen sind, weiß ich nun wenigstens halbwegs, wo die neue Adresse zu finden ist.

 

Istanbul

Dienstag, 29.08.06, 22:00 Uhr bis
Mittwoch, 30.08.06, 10:30 Uhr

Juhuu - aussteigen! Angekommen! Dienstag, 29.08.06, 22:00 Uhr! 2.480 km! Kurz die persönlichen Wertgegenstände in der neuen Wohnung deponiert und anschließend zu einem kleinen Essen einladen lassen :-) Wie gut, dass wir einheimische Begleiter hatten - schon allein wegen der Bestellung *g*. Wer weiß, was wir bekommen hätten. Hat super geschmeckt. Danach zurück zur Wohnung und ab in die Heia - Dusche muss warten bis zum nächsten Morgen (iiiiiiiih!).

Tags drauf um 7:00 Uhr Aufstehen, Duschen und Frühstücken. Die Gegend ist auf den ersten Eindruck ausgesprochen gemütlich und mit schmalen Sträßchen durchzogen.

Danach wieder zur Wohnung und den Transporter ausräumen, kurze Zwischenabrechnung machen und um 10:30 Uhr ging's dann wieder auf den Heimweg. Dieses mal nicht unbedingt zu meiner uneingeschränkten Freude nicht mehr alleine im Wagen.

 

Der Rückweg

Mittwoch, 30.08.06, 10:30 Uhr (Abfahrt Istanbul)
Donnerstag, 31.08.06, 20:00 Uhr
(Ankunft Saarbrücken)

Ein wunderschöner Tag in Istanbul (32 Grad bei wolkenlosem Himmel und leichter Brise vom Meer, während es in Deutschland bei 18 Grad regnete - hähähä) und endlich sah man auch, wo man hinfuhr. Also zuerst raus aus dem Viertel ...

... vorbei am Stadion ...

... vorbei an der ein oder anderen Moschee ...

... über die in dieser Richtung nun mautfreie Brücke ...

... mit atemberaubendem Blick auf den Bosporus ...

... Tschüss winkend ...

... vorbei an Stadt ...

... nochmehr Stadt ...

... und nach Kilometern immer noch Stadt, Stadt, Stadt ...

... mit Blick auf's Meer ...

... noch mehr Meer ...

... bis zur Grenze.

Bis wir in Bulgarien waren, dauerte es dieses Mal erstaunlich lange - aber wir hatten ja grad keine anderen Termine. Zumindest gab's jetzt nicht mehr viel zu erklären, denn außer unseren privaten Taschen war ja nichts mehr im Fahrzeug. Zwischen dem türkischen und dem bulgarischen Grenzposten gab's eine Tankstelle, wo man offenbar steuerfrei oder -begünstigt tanken konnte. Jedenfalls kostete der Lieter Diesel dort (und nur dort) gerade mal 0.69 EUR!!!

In Bulgarien hielten wir bei einer Straßenverkäuferin für Ton- und Rattanwaren. Dort waren alle Artikel mit Preisschildchen ausgestattet und die angegeben Beträge waren wirklich niedrig, die Ware selbst sehr gut. Umso erstaunter waren wir dann, als uns die Dame mit Händen und Füßen eröffnete, dass es sich um Preise in Lew handele. Das hieß für uns, dass wir die angegebenen Beträge zum Umrechnen nochmal halbieren konnten! Angesichts dessen haben wir auch um keinen Cent gefeilscht - Leben und Leben lassen!
Später haben wir dann nochmal angehalten, um ein bisschen Obst und Gemüse einzukaufen. Auch hier waren die Preise für unsere Verhältnisse so lächerlich, dass es gegen unsere Prinzipien verstoßen hätte, auch nur einen einzigen Cent herunterzuhandeln.

Der Rest der Fahrt verlief nahezu ereignislos:
* Dieses Mal fuhren wir mitten rein in die Sperrzeit der serbischen Transitstrecke. Wir durften uns also an der Umfahrung erfreuen, die tatsächlich mitten durch die Walachei führte und mit einem länger andauernden Stau in stockfinsterer Nacht auf irgendeinem Hügel verbunden war.
* Der großmäulige Grenzer bei der Ausfahrt aus Serbien meinte, dass unser Fahrzeug ein Lkw sei und somit müssten wir uns gefälligst mit unserem leeren Sprinter hinter die (realistisch geschätzte) 2 km lange Lkw-Schlange stellen und warten. Hat uns dann aber nach ein bisschen Diskutiererei doch durchfahren lassen mit der üblichen Herablassung, mit der man dort offenbar Großzügigkeit demonstriert. Arschloch! A R S C H L O C H!
* In der Gegend nach Budapest kam es zu zähfließendem Verkehr. Hier durfte ich mich von meinem Beifahrer anschreien lassen, weil vor mir plötzlich eine Bremskette entstanden war, ich aber meinerseits seines Empfindens nach nicht stark genug abbremste und sehr dicht auf den Vordermann auffuhr. Dass direkt hinter mir ein Sattelzug mit großer Geschwindigkeit auf mich auffuhr (wozu hab' ich einen Rückspiegel?) und ich eben darum nicht direkt voll abbremsen konnte, um diesem noch das Ausscheren zu ermöglich, war dem Herrn egal. Hier bin ich versucht ihn in die Arschlochreihe einzugliedern. Im Normalfall darf ein Mitfahrer, der meint mich ungerechtfertigt und noch dazu laut kritisieren zu müssen, gleich an Ort und Stelle aussteigen.

Zurück in Deutschland begegnete uns nach tausenden Kilometern nun das seltsamste Gefährt unserer gesamten Tour, welches mit geschätzten 27 km/h auf der Autobahn (irgendwo vor Nürnberg) dahinkroch. Und ja, auf der Rückbank sitzen in Wolldecken vermummte Fahrgäste:

Am Donnerstag, 31.08.06, um 20:00 Uhr war ich schließlich nach insgesamt 5.128 km seit Montagfrüh wieder zuhause.

 

Fazit

Geniale Fahrt - das nächste Mal (hohoho) ein bisschen mehr Zeit lassen, um den Rückweg durch Abstecher nach Budapest, Wien oder Tschechien interessanter zu machen.

Jederzeit wieder!